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Die Wissenschaft

Gibt es Pornosucht wirklich? Eine ehrliche Antwort

Für alle, die mit dem Begriff hadern, uns eingeschlossen. Hier steht, worin sich die Forschung einig ist, worüber gestritten wird und warum wir eine andere Frage stellen.

Kurz gesagt

Im DSM-5-TR gibt es keine Diagnose Pornosucht, und die ICD-11 ordnet zwanghaftes Sexualverhalten den Impulskontrollstörungen zu. Ob sich jemand süchtig fühlt, hängt stark mit moralischer Ablehnung zusammen. Unstrittig ist: Manche verlieren die Kontrolle und wollen aufhören.

Die Debatte in einem Absatz

Im amerikanischen Diagnosehandbuch für psychische Störungen, dem DSM-5-TR, gibt es keine Diagnose „Pornosucht“. Für das DSM-5 wurde eine weiter gefasste Diagnose für exzessives Sexualverhalten vorgeschlagen und abgelehnt 1. Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation erkennt zwar die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung an, ordnet sie aber den Impulskontrollstörungen zu und nicht den Suchterkrankungen 2. In der Forschung ist nach wie vor umstritten, ob problematischer Pornokonsum wie eine Sucht funktioniert, wie ein Zwang oder ganz anders. Wer dir erzählt, die Frage sei geklärt, egal in welche Richtung, stellt die Studienlage eindeutiger dar, als sie ist.

Was moralische Ablehnung damit zu tun hat

Einer der stabilsten Befunde auf diesem Gebiet betrifft Überzeugungen und nicht das Verhalten. Wer Pornos moralisch ablehnt, fühlt sich eher süchtig danach als jemand, der das nicht tut, selbst bei gleichem Konsum. Eine Übersichtsarbeit mit Metaanalyse kam zu dem Ergebnis, dass diese Ablehnung, die sogenannte moralische Inkongruenz, zu den stärksten Faktoren gehört, die ein Suchtgefühl vorhersagen 3.

Das Leiden dieser Menschen ist trotzdem echt. „Ich fühle mich süchtig“ kann aber zwei ganz verschiedene Ursachen haben: Man hat die Kontrolle verloren, oder man nutzt etwas, das man selbst für falsch hält. Die ICD-11 sieht das genauso: Leiden, das allein daher kommt, dass man das eigene Sexualverhalten moralisch ablehnt, reicht für sich genommen nicht für die Diagnose 2.

Deshalb bezeichnet WINNR seine Nutzer nicht als Süchtige. Das Etikett macht oft mehr Scham, aber nichts klarer.

Was unstrittig ist

Wie auch immer man es nennt: Manche Menschen schauen Pornos auf eine Weise, die sie Schlaf, Beziehungen, Konzentration oder sexuelle Zufriedenheit kostet, und wollen aufhören. In einer schwedischen Studie mit 1.913 Erwachsenen gaben 13 % der Männer an, gewisse Probleme mit ihren sexuellen Online-Aktivitäten zu haben, 5 % sprachen von ernsten Problemen 4. Über 19 Studien hinweg hingen Angst und Depression mit problematischem Konsum zusammen, mit gewöhnlichem Konsum dagegen nicht 5.

Studien zum Gehirn haben Unterschiede zwischen Viel- und Wenigschauern gefunden. Es handelt sich aber um Momentaufnahmen kleiner Gruppen, die nicht belegen können, dass Pornos diese Unterschiede verursacht haben 6. Deshalb behaupten wir auch nicht, Pornos würden „dein Gehirn umprogrammieren“.

Eine bessere Frage als „Bin ich süchtig?“

Die Frage „Bin ich süchtig?“ drängt dich zu einem Ja oder Nein, das dir kein Fragebogen liefern kann. Hilfreicher ist „Habe ich ein Problem?“, und diese Frage kannst du selbst beantworten:

  • Schaust du öfter oder länger, als du eigentlich willst?
  • Hast du versucht, weniger zu schauen, und bist immer wieder rückfällig geworden?
  • Kostet es dich Schlaf, Arbeit, Geld, Beziehungen oder sexuelle Zufriedenheit?
  • Schaust du vor allem, um Stress, Einsamkeit oder schwierigen Gefühlen zu entkommen?
  • Willst du etwas ändern, ganz egal, wie andere es nennen?

Wenn du mehrere dieser Fragen mit Ja beantwortest, lohnt es sich, etwas zu unternehmen, ob mit Etikett oder ohne.

Was der 4-Minuten-Check misst

Der WINNR-Selbsttest beruht auf dem PPCS-6, einem Kurzfragebogen mit sechs Fragen, den Forschende entwickelt und validiert haben 7. Er fragt, wie sehr Pornos deine Gedanken beschäftigen, ob du sie nutzt, um deine Stimmung zu ändern, ob sie zu Konflikten führen, ob du mit der Zeit mehr brauchst, ob du rückfällig wirst, nachdem du aufhören wolltest, und wie es dir geht, wenn du nicht schauen kannst. Wie oft du schaust, wird nicht abgefragt. Der Test gibt eine erste Einschätzung und ersetzt keine Diagnose. Auf der Wissenschaftsseite findest du alle Studien, auf denen er beruht.

Häufige Fragen

Ist Porno eine Sucht?

Im DSM-5-TR gibt es keine Diagnose Pornosucht. Die ICD-11 erkennt die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung als Impulskontrollstörung an. Ob sie wie eine Sucht funktioniert, ist in der Forschung weiterhin umstritten.

Machen Pornos süchtig?

Manche Menschen verlieren die Kontrolle über ihren Pornokonsum und kommen nur schwer davon los, das ist real. Ob man das am treffendsten Sucht nennt, ist weiter umstritten, und das Gefühl, süchtig zu sein, hängt stark mit moralischer Ablehnung von Pornos zusammen.

Ist Pornosucht real oder ein Mythos?

Für viele Menschen ist das Problem real. Der Begriff ist umstritten. Wichtiger ist, ob dein Konsum dich etwas kostet und ob du etwas ändern willst.

Schaden Pornos dem Gehirn?

Studien zum Gehirn finden Unterschiede zwischen Viel- und Wenigschauern, aber als Momentaufnahmen können sie keine Ursache belegen. Gute Belege dafür, dass Pornos das Gehirn schädigen, gibt es nicht.

Machen Pornos ängstlich oder depressiv?

Über 19 Studien hinweg hing problematischer Konsum mit Angst und Depression zusammen, gewöhnlicher Konsum dagegen nicht. Diese Studien zeigen einen Zusammenhang, aber keinen Beweis, dass Pornos die Ursache sind.

Wie viel Porno ist zu viel?

Eine Grenze in Zahlen gibt es nicht. Die Forschung deutet darauf hin, dass Kontrollverlust, Leidensdruck und das, was es dich kostet, mehr zählen als die Stunden vor dem Bildschirm.

Als Nächstes lesen

Du willst einen Plan für dein eigenes Muster? Mach den privaten 4-Minuten-Check. Kämpfst du gerade gegen einen Drang? Öffne die Drang-Seite.

Ein Hinweis, was diese Seite ist

Diese Seite ist Aufklärung. Sie ist keine Diagnose und keine medizinische Beratung. WINNR ist keine Behandlung und keine Therapie. Wenn Pornokonsum dein Leben ernsthaft beeinträchtigt, sprich mit einer approbierten Fachperson; wenn du in einer Krise bist, wende dich an den Notdienst deines Landes.

Quellen

  1. American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, fifth edition, text revision (DSM-5-TR), 2022. Hypersexual disorder was proposed for DSM-5 and not included.
  2. World Health Organization. ICD-11, 6C72 Compulsive sexual behaviour disorder. icd.who.int
  3. Grubbs, J. B., Perry, S. L., Wilt, J. A. & Reid, R. C. Pornography problems due to moral incongruence: an integrative model with a systematic review and meta-analysis. Archives of Sexual Behavior, 2019; 48(2):397-415. doi.org/10.1007/s10508-018-1248-x
  4. Ross, M. W., Månsson, S.-A. & Daneback, K. Prevalence, severity, and correlates of problematic sexual internet use in Swedish men and women. Archives of Sexual Behavior, 2012; 41:459-466, n = 1,913.
  5. Systematic review and meta-analysis of 19 studies on pornography consumption, anxiety and depression. J. Clin. Med., 2026. doi.org/10.3390/jcm15135030
  6. Kühn, S. & Gallinat, J. Brain structure and functional connectivity associated with pornography consumption. JAMA Psychiatry, 2014; 71(7):827-834, n = 64. doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2014.93
  7. Bőthe, B., Tóth-Király, I., Demetrovics, Z. & Orosz, G. The short version of the Problematic Pornography Consumption Scale (PPCS-6). Journal of Sex Research, 2021. doi.org/10.1080/00224499.2020.1716205