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Neurowissenschaft

Was Pornos mit deinem Gehirn machen: was die Studien zeigen

Dopamin ist kein Glückshormon, sondern ein Antriebssignal. Hier liest du, was Hirnstudien zum Pornokonsum herausgefunden haben, wo sie an ihre Grenzen stoßen und warum sich eine Gewohnheit trotzdem ändern lässt.

Kurz gesagt

Hirnstudien finden Unterschiede zwischen Männern, die viele Pornos schauen, und Männern, die wenige schauen, vor allem in Regionen für Belohnung und Antrieb. Fast alle dieser Studien sind Momentaufnahmen. Ob Pornos die Unterschiede verursacht haben, können sie deshalb nicht zeigen. Gut erforscht ist dagegen, wie Gewohnheiten entstehen, und dass sie sich ändern lassen.

Wie funktioniert das Belohnungssystem?

Dein Gehirn achtet besonders auf alles, was unserer Spezies beim Überleben geholfen hat: Essen, Nähe zu anderen und Sex. Damit du es immer wieder suchst, nutzt es die mesolimbische Dopaminbahn, oft Belohnungssystem genannt. Sie verläuft vom ventralen tegmentalen Areal zum Nucleus accumbens.

Dopamin gilt oft als Glückshormon. Die Forschung sieht das anders. Dopamin steuert das Wollen, also den Sog zu etwas hin. Das ist etwas anderes als das Mögen, die Freude, wenn du es dann hast 1. Deshalb kann dich etwas stark anziehen, das sich längst nicht mehr gut anfühlt.

Die mesolimbische Dopaminbahn Schematische Seitenansicht des Gehirns. Dopaminneuronen im ventralen tegmentalen Areal, tief unten und weiter hinten, senden ihre Signale auf einer gebogenen Bahn nach vorn zum Nucleus accumbens. Dopamin NUCLEUS ACCUMBENS hier kommt das Signal an VENTRALES TEGMENTALES AREAL hier entsteht das Dopamin
Dopaminneuronen im VTA senden ihre Signale nach vorn zum Nucleus accumbens. Dieser Schaltkreis bestimmt, wohin deine Aufmerksamkeit immer wieder zurückkehrt. Schematisch, nicht maßstabsgetreu.

Warum ist Neues so schwer zu widerstehen?

Neues weckt das Wollen besonders stark. In einem bekannten Experiment sank das Dopamin im Nucleus accumbens männlicher Ratten, während ihr Interesse an einer vertrauten Partnerin nachließ, und stieg wieder an, sobald ein neues Weibchen dazukam 2. Man nennt das den Coolidge-Effekt.

Der Coolidge-Effekt Ein Liniendiagramm. Das Dopamin im Nucleus accumbens schießt beim ersten Kontakt in die Höhe und sinkt dann mit jeder Wiederholung desselben Reizes stetig ab. Kommt ein neuer Reiz hinzu, springt es wieder nach oben, nicht ganz so hoch wie zuvor, und beginnt dann erneut zu sinken. 200 % 150 % 100 % Ausgangswert etwas Neues dasselbe wirkt nicht mehr ein Klick, und es geht wieder los erster Kontakt später Dopamin im Nucleus accumbens in Prozent des Ausgangswerts
Schematisch nachgezeichnet nach Fiorino, Coury und Phillips (1997), die das an Ratten gemessen haben. Es geht um den Verlauf, nicht um die Zahlen: Die Reaktion auf einen vertrauten Reiz lässt nach, und etwas Neues bringt sie zurück. Ob endloser Nachschub an neuem Material bei Männern genauso wirkt, wurde nie direkt gemessen.

Das könnte erklären, warum ein Feed mit immer neuen Videos die Aufmerksamkeit so festhält. Ein Beweis ist es nicht, denn die Studie lief mit Ratten und nicht mit Männern vor dem Bildschirm.

Verändern Pornos das Gehirn?

Zwei Studien werden besonders oft zitiert.

In Berlin untersuchten Forschende 64 gesunde Männer im Hirnscanner. Je mehr Stunden Pornos ein Mann pro Woche angab, desto weniger graue Substanz hatte er in einer Belohnungsregion, dem rechten Nucleus caudatus, und desto schwächer reagierte eine andere Region, das linke Putamen, auf sexuelle Bilder 3.

In Cambridge sahen sich 19 Männer mit zwanghaftem Sexualverhalten und 19 Männer ohne im Scanner explizite Videos an. In der ersten Gruppe waren drei Regionen, die mit Belohnung und Antrieb zu tun haben, stärker aktiv. Diese Männer wollten die Videos stärker, gefielen ihnen aber nicht besser 4. Auch hier also Wollen ohne Mögen.

Der Haken: Beide Studien sind Momentaufnahmen kleiner Gruppen. Sie zeigen einen Unterschied, aber nicht, woher er kommt. Das schreiben die Berliner Autoren selbst: Das Muster kann eine Folge von starkem Konsum sein, es kann aber auch schon vorher bestanden haben und Pornos für manche Männer reizvoller machen 3. Bisher hat niemand Männer vor und nach jahrelangem Konsum gescannt. Deshalb behaupten wir nicht, dass Pornos dein Gehirn umprogrammieren. Auf der Wissenschaftsseite steht, woher diese Behauptung stammt und warum die Forschung bis heute darüber streitet.

Warum ist der Drang da, bevor ich mich entschieden habe?

Darüber sind sich die Fachleute einig, und mit einem Schaden hat es nichts zu tun. Es ist ganz normales Lernen. Wenn du etwas immer wieder in derselben Situation tust, wird die Situation selbst zum Auslöser. Die Psychologie beschreibt das seit den 1940er-Jahren, oft in dem Satz „Neuronen, die zusammen feuern, vernetzen sich“ 5.

Der Trampelpfad

Stell dir vor, du gehst über eine Wiese. Beim ersten Mal hinterlässt du kaum eine Spur. Gehst du jeden Tag denselben Weg, entsteht ein deutlicher Pfad. Je öfter du ein Verhalten wiederholst, desto leichter fällt es, diesen Pfad zu nehmen.

Deshalb können das Handy in der Hand, Langeweile, Alleinsein oder eine bestimmte Uhrzeit am Abend den Sog auslösen, noch bevor du bewusst etwas entschieden hast. So läuft jede Gewohnheit ab, vom ständigen Blick aufs Handy bis zum Nägelkauen. Mit Schwäche hat das nichts zu tun.

Brauche ich mit der Zeit immer mehr?

Manche Männer merken, dass das, was früher gereicht hat, nicht mehr reicht, und dass sie nach mehr oder nach anderem Material suchen. Wenn du dich darin wiedererkennst, nimm es ernst. Bei manchen Nutzern ist das beschrieben worden. Dass es bei allen so kommt, wurde nie gezeigt, deshalb kann dir auch niemand sagen, dass es bei dir so kommen wird.

Was passiert, wenn ich aufhöre?

Weniger, als im Internet behauptet wird. In einer randomisierten Studie wurden 176 Studierende, die regelmäßig Pornos schauten, in zwei Gruppen geteilt: 86 sollten sieben Tage lang aufhören, 90 machten weiter wie bisher. Die Werte wurden jeden Abend erhoben. Die Gruppe ohne Pornos zeigte keine Hinweise auf Entzugssymptome und unterschied sich bei Verlangen und Stimmung nicht von der anderen 6. Eine weitere Auswertung lieferte einen einzigen Hinweis: Bei Teilnehmern mit einem ernsten Problem, die etwa täglich oder öfter schauten, ging das Aufhören mit stärkerem Verlangen einher. Die Autoren selbst nennen diesen Befund vorläufig.

Der Haken: Die Teilnehmenden waren Studierende, rund zwei Drittel davon Frauen, und sieben Tage sind kurz. Über einen Mann, der seit vielen Jahren stark konsumiert, sagt die Studie wenig. Wenn sich deine ersten Wochen leer oder unruhig anfühlen, ist das für dich echt, und es lohnt sich, dafür vorzuplanen. Die Forschung hat nur nicht gezeigt, dass jeder da durchmuss.

Lässt sich die Gewohnheit ändern?

Ja, und hier stammen die Belege von Männern, die das Problem tatsächlich haben. In einer randomisierten Studie mit 28 Männern senkten diejenigen, die ein strukturiertes Programm auf Basis der Akzeptanz- und Commitment-Therapie durchliefen, ihren Konsum um 93 %. Auf der Warteliste waren es 21 % 7. Die Studie war klein und fand in einer einzigen Gemeinschaft statt. Das Ergebnis ist also vielversprechend, aber noch nicht abschließend.

Das Gehirn lernt ein Leben lang. Ein Pfad, den niemand mehr geht, wächst zu, und dort, wo du stattdessen gehst, entsteht ein neuer. Darauf baut WINNR auf: den Auslöser verstehen, den nächsten Schritt im Voraus planen und es nicht allein durchziehen.

Willst du wissen, wo du stehst? Der Selbsttest dauert etwa vier Minuten.

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Häufige Fragen

Programmieren Pornos das Gehirn um?

Das hat niemand nachgewiesen. Studien finden Unterschiede zwischen Viel- und Wenignutzern, können aber nicht sagen, ob Pornos sie verursacht haben 3.

Ist Dopamin ein Glückshormon?

Nein. Dopamin steuert das Wollen, und das ist etwas anderes als Genießen 1.

Ist mein Gehirn geschädigt?

Keine dieser Studien zeigt einen Schaden. Sie zeigen Unterschiede zwischen Gruppen zu einem einzigen Zeitpunkt. Und was gelernt wurde, lässt sich auch umlernen.

Ein Hinweis, was diese Seite ist

Dieser Artikel dient der Information. Er ersetzt keine Diagnose und keine ärztliche Beratung. Wo die Forschung keine Ursache belegen kann, sagen wir das dazu. Wenn Pornos dein Leben ernsthaft beeinträchtigen, wende dich an eine approbierte Fachperson. In einer akuten Krise ruf den Notdienst in deinem Land an.

Quellen

  1. Berridge, K. C. & Robinson, T. E. Liking, wanting, and the incentive-sensitization theory of addiction. American Psychologist, 2016; 71(8):670-679. doi.org/10.1037/amp0000059
  2. Fiorino, D. F., Coury, A. & Phillips, A. G. Dynamic changes in nucleus accumbens dopamine efflux during the Coolidge effect in male rats. Journal of Neuroscience, 1997; 17(12):4849-4855. jneurosci.org
  3. Kühn, S. & Gallinat, J. Brain structure and functional connectivity associated with pornography consumption. JAMA Psychiatry, 2014; 71(7):827-834, n = 64. doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2014.93
  4. Voon, V. et al. Neural correlates of sexual cue reactivity in individuals with and without compulsive sexual behaviours. PLoS ONE, 2014; 9(7):e102419, n = 38. doi.org/10.1371/journal.pone.0102419
  5. Hebb, D. O. The Organization of Behavior. Wiley, 1949.
  6. Fernandez, D. P., Kuss, D. J., Justice, L. V., Fernandez, E. F. & Griffiths, M. D. Effects of a 7-day pornography abstinence period on withdrawal-related symptoms in regular pornography users. Archives of Sexual Behavior, 2023; 52(4):1819-1840, n = 176. doi.org/10.1007/s10508-022-02519-w
  7. Crosby, J. M. & Twohig, M. P. Acceptance and commitment therapy for problematic internet pornography use: a randomized trial. Behavior Therapy, 2016; 47(3):355-366, n = 28. doi.org/10.1016/j.beth.2016.02.001