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Die Wissenschaft

Samenretention und ihre angeblichen Vorteile: Was die Studien wirklich zeigen

Kostet dich tägliches Ejakulieren Testosteron, Energie und Konzentration? Wir haben die Behauptungen zur Samenretention an ihren Studien geprüft.

Die Liste kennst du wahrscheinlich: „12 Nebenwirkungen, wenn du täglich ejakulierst, wissenschaftlich belegt.“ Weniger Testosteron, Nebel im Kopf, keine Motivation, schütteres Haar. Wenn du fast jeden Tag masturbierst und dich in letzter Zeit schlapp fühlst, trifft dich so eine Liste. Sie liefert eine Ursache und eine Lösung gleich mit: Halt es zurück, dann kommt die Energie wieder.

Stimmt davon irgendetwas? Wir haben uns die Studien angesehen, auf die sich diese Behauptungen berufen. Hier steht, was sie zeigen, und welche Frage die Retentions-Szene auslässt.

Woher der „Testosteron-Peak an Tag 7“ stammt

Fast jeder Beitrag zur Samenretention führt auf eine einzige Arbeit zurück: Jiang und Kollegen (2003) im Journal of Zhejiang University Science. Bei 28 Männern erreichte das Testosteron im Blut demnach an Tag 7 der Abstinenz seinen Höchstwert, nämlich 145,7 Prozent des Ausgangswerts. Aus dieser einen Zahl wurde der „Testosteron-Boost um 45 Prozent“, der in sozialen Medien die Runde macht.

Fangen wir mit dem an, was keiner weitererzählt. Die Arbeit wurde zurückgezogen, per Mitteilung der Zeitschrift vom 10. Dezember 2021 (DOI 10.1631/jzus.2003.r236). Grund war eine Doppelveröffentlichung, weil dieselbe Arbeit schon in einer chinesischsprachigen Zeitschrift erschienen war. Gefälschte Daten waren es nicht, um erfundene Zahlen geht es hier also nicht. Für jeden, der die Studie zitiert, läuft es aber aufs Gleiche hinaus: Sie ist zurückgezogen und gehört nicht mehr zur Fachliteratur. Ein ganzer Markt an „wissenschaftlich belegten“ Inhalten stützt sich auf eine Arbeit, die seit 2021 offiziell aus dem Verkehr gezogen ist.

Zwei Probleme gab es schon vor dem Rückzug. Erstens hielt der Höchstwert nicht an: Im Abstract der Arbeit selbst steht, dass bei weiterer Abstinenz nach Tag 7 keine regelmäßige Schwankung mehr zu beobachten war. Einen dauerhaft erhöhten Wert, wie ihn ein „Retentionsvorteil“ voraussetzen würde, hat sie nie gezeigt. Zweitens konnte niemand das Ergebnis wiederholen. Mascherek und Kollegen (2021) haben in Frontiers in Psychology die Forschung zu Ejakulationshäufigkeit und Gesundheit ausgewertet. Sie weisen darauf hin, dass Websites mit Abstinenzversprechen genau diese Studie zitieren, dass „die Ergebnisse auf Grundlage einer kleinen Stichprobe berichtet wurden“ und dass „diese Ergebnisse unseres Wissens bisher nicht repliziert wurden“.

Ehrlicherweise kann man also nicht sagen: „Abstinenz steigert das Testosteron um 45 Prozent.“ Eine kleine, zurückgezogene, nie wiederholte Studie hat einen kurzen Ausschlag gefunden. Mehr Fundament gibt es nicht.

Was beim Orgasmus mit deinen Hormonen passiert

Die andere Studie, die oft zitiert wird, stammt von Exton und Kollegen (2001) aus dem World Journal of Urology. Zehn gesunde Männer wurden zweimal untersucht, einmal im normalen Alltag und einmal nach drei Wochen Abstinenz. Dabei wurde ihnen während der Erregung und beim Orgasmus Blut abgenommen.

Der Orgasmus ließ Prolaktin, Adrenalin und Noradrenalin kurz ansteigen, ebenso Puls und Blutdruck. Am Testosteron änderte er nichts. Nach der Abstinenz lag das Testosteron etwas höher, was die Autoren als Effekt der Abstinenz werteten. Mit zehn Teilnehmern und ohne Nachbeobachtung lässt sich aber nicht sagen, ob das anhält oder sich darauf auswirkt, wie du dich fühlst. Der Anstieg des Prolaktins ist einfach das normale Zeichen dafür, dass ein Orgasmus stattgefunden hat. Mit Auszehrung hat er nichts zu tun.

Schadet es deinem Körper, täglich zu ejakulieren?

Hier sind die Listen mit den „12 Nebenwirkungen“ am schwächsten, denn die größeren Studien zeigen eher das Gegenteil.

Testosteron in der Gesamtbevölkerung. Die These vom Auslaugen lässt sich überprüfen: Wer mehr masturbiert, müsste weniger Testosteron haben. Macdowall und Kollegen (2021) haben das im Journal of Sex Research an 1.599 Männern aus dem dritten britischen National Survey of Sexual Attitudes and Lifestyles getestet und das Testosteron im Speichel per Massenspektrometrie bestimmt. Die These fiel durch, und zwar in die Gegenrichtung: Männer, die zuletzt vor über einem Jahr oder noch nie masturbiert hatten, hatten weniger Testosteron als Männer, die in der Woche davor masturbiert hatten. Alter, Jahreszeit, Beziehungsstatus, BMI und Gesundheit waren dabei herausgerechnet. Wie oft jemand in dieser Woche masturbiert hatte, hing nicht klar mit dem Wert zusammen. Eine einzelne Speichelprobe kann nicht zeigen, was Ursache und was Wirkung ist, und die Autoren halten einen Einfluss in beide Richtungen für wahrscheinlich. Ein Auslaugungseffekt, der groß genug wäre, um in der Bevölkerung aufzufallen, ist damit aber ausgeschlossen.

Prostata. Rider und Kollegen (2016) begleiteten für European Urology 31.925 Männer aus der Health Professionals Follow-up Study von 1992 bis 2010 und zählten 3.839 Prostatakrebsdiagnosen. Wer 21 oder mehr Ejakulationen im Monat angab, hatte ein geringeres Risiko als Männer mit vier bis sieben, und das galt für die Häufigkeit in den Zwanzigern (Hazard Ratio 0,81) und in den Vierzigern (Hazard Ratio 0,78). Am deutlichsten war der Zusammenhang bei Tumoren mit niedrigem Risiko, bei aggressiven Tumoren war er nicht klar nachweisbar. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, Ursache und Wirkung kann sie nicht belegen. Ein Hinweis auf Schaden ist sie aber ganz sicher nicht.

Spermien. Die gehen dir nicht aus. Hanson und Kollegen (2018) haben die Forschung zu Abstinenz und Spermaqualität ausgewertet: Längere Pausen erhöhen Volumen und Spermienzahl, deshalb sollst du vor einer Probe im Labor ein paar Tage verzichten. Bei Beweglichkeit und DNA-Qualität waren die Befunde aber gemischt und fielen nach kürzeren Pausen eher besser aus. Nichts davon spricht dafür, dass häufiges Ejakulieren der Fruchtbarkeit schadet.

Leistung. Die älteste Form der Retention ist der Trainer, der sagt: „Kein Sex vor dem Spiel.“ Stefani und Kollegen (2016) haben in Frontiers in Physiology neun Studien zu Sex vor Wettkämpfen ausgewertet. Die meisten fanden keinen direkten Einfluss auf Ausdauer oder Kraft und keine Hinweise auf Schaden. Einzige Einschränkung: Sex weniger als etwa zwei Stunden vor dem Wettkampf könnte die Leistung beeinträchtigen. Masturbation wurde gar nicht untersucht. Dass Retention dir einen Vorsprung verschafft, lässt sich sportwissenschaftlich nicht begründen.

Ist Masturbation also schädlich?

Nach allem, was man weiß: nein. Körperliche Schäden sind nicht belegt, und eine Studie, die Masturbation mit Haarausfall oder Muskelabbau in Verbindung bringt, haben wir nicht gefunden.

Wenn du dich in einer Phase ohne Masturbation besser fühlst, bildest du dir das nicht ein. Mit Hormonen hat es aber wahrscheinlich wenig zu tun. Wer sich auf eine Retentions-Challenge einlässt, ändert meist auch, wie er schläft, sich bewegt und wie viel Zeit er am Bildschirm verbringt, und vor allem, wie viel Porno er schaut. Daran liegt es. Am Sperma liegt es nicht.

Die Frage, die in den Listen fehlt: Geht es um Porno, und geht es um Kontrolle?

Die meisten dieser Inhalte werfen „Masturbation“, „Porno“ und „Ejakulation“ in einen Topf. Das sind aber drei verschiedene Dinge, und die Forschung sagt zu jedem etwas anderes. Pornokonsum ist ein eigenes Verhalten. Für dein Wohlbefinden kommt es nicht darauf an, wie oft du kommst, sondern ob du aufhören kannst, wenn du willst.

Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation führt die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung (Code 6C72), die Kraus und Kollegen (2018) in World Psychiatry beschrieben haben. Kennzeichnend ist, dass jemand starke, immer wiederkehrende sexuelle Impulse dauerhaft nicht steuern kann, dass das Verhalten zum Mittelpunkt des Lebens wird und trotz negativer Folgen weitergeht, und zwar über sechs Monate oder länger und mit deutlichem Leidensdruck. Zwei Dinge fallen auf. Es geht um Kontrollverlust und nicht um Häufigkeit. Und laut ICD-11 reicht Leidensdruck, der ausschließlich auf moralischen Urteilen beruht, für die Diagnose nicht aus.

Gerade der zweite Punkt ist wichtig. Grubbs und Kollegen (2019) kamen in einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse in Archives of Sexual Behavior zu dem Ergebnis, dass sich vieles, was Männer als „Pornoprobleme“ beschreiben, durch moralische Inkongruenz erklärt: Man schaut Porno, obwohl man glaubt, es nicht tun zu sollen. Scham kostet dich etwas, ist aber ein anderes Problem als zwanghafter Konsum. Mehr Scham hilft dagegen nicht, und genau die liefern dir Inhalte nach dem Motto „Ejakulieren raubt dir die Kraft“ zusätzlich.

Das Duale Kontrollmodell von Bancroft und Janssen (2000) hilft hier weiter als die Retentions-Idee. Die sexuelle Reaktion funktioniert wie ein Auto mit Gaspedal und Bremse, also mit einem Erregungs- und einem Hemmungssystem, und wie empfindlich beide sind, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Moderner Porno tritt das Gaspedal hart und oft durch. Wenn du mehr schaust, als du vorhattest, zu immer stärkeren Inhalten greifst oder merkst, dass deine Bremse nicht mehr greift, dann kümmere dich darum. Das ist ein Muster, und Muster lassen sich ändern.

Was du damit anfangen kannst

Wenn es dir um Energie, Konzentration oder Stimmung geht, ist der ehrliche Rat unspektakulär: Schlaf, Bewegung, Tageslicht, und wenn es nicht besser wird, deine Hausärztin oder dein Hausarzt, denn Antriebslosigkeit hat viele Ursachen, die mit Sex nichts zu tun haben. Kein Arzt wird dir sagen, dass du mit dem Masturbieren aufhören sollst, um dein Testosteron in Ordnung zu bringen.

Wenn du das Gefühl hast, nicht mehr von Porno loszukommen, solltest du das ernst nehmen, und dafür musst du nicht erst eine Diagnose erfüllen. Belastet es dich wirklich, dann sprich mit einer Psychologin oder einem Sexualtherapeuten.

WINNR ist eine wissenschaftlich fundierte App für junge Männer, die beim Pornokonsum wieder selbst bestimmen wollen, für 9 Euro im Monat oder 49 Euro im Jahr auf winnr.now. Sie ist kein Samenretentionsprogramm und verlangt nicht, dass du mit dem Masturbieren aufhörst. Sie setzt bei der Frage an, die wirklich vorhersagt, wie es dir geht: ob du die Kontrolle hast oder die Gewohnheit.

Du willst einen Plan für dein eigenes Muster? Mach den privaten 4-Minuten-Check. Kämpfst du gerade gegen einen Drang? Öffne die Drang-Seite.

Ein Hinweis, was diese Seite ist

Diese Seite ist Aufklärung. Sie ist keine Diagnose und keine medizinische Beratung. WINNR ist keine Behandlung und keine Therapie. Wenn Pornokonsum dein Leben ernsthaft beeinträchtigt, sprich mit einer approbierten Fachperson; wenn du in einer Krise bist, wende dich an den Notdienst deines Landes.

Quellen

  1. Bancroft, J., & Janssen, E. (2000). The dual control model of male sexual response: A theoretical approach to centrally mediated erectile dysfunction. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 24(5), 571-579. https://doi.org/10.1016/S0149-7634(00)00024-5
  2. Exton, M. S., Krüger, T. H. C., Bursch, N., et al. (2001). Endocrine response to masturbation-induced orgasm in healthy men following a 3-week sexual abstinence. World Journal of Urology, 19, 377-382. https://doi.org/10.1007/s003450100222
  3. Grubbs, J. B., Perry, S. L., Wilt, J. A., & Reid, R. C. (2019). Pornography problems due to moral incongruence: An integrative model with a systematic review and meta-analysis. Archives of Sexual Behavior, 48(2), 397-415. https://doi.org/10.1007/s10508-018-1248-x
  4. Hanson, B. M., Aston, K. I., Jenkins, T. G., Carrell, D. T., & Hotaling, J. M. (2018). The impact of ejaculatory abstinence on semen analysis parameters: A systematic review. Journal of Assisted Reproduction and Genetics, 35(2), 213-220. https://doi.org/10.1007/s10815-017-1086-0
  5. Jiang, M., Jiang, X., Zou, Q., & Shen, J. (2003). A research on the relationship between ejaculation and serum testosterone level in men. Journal of Zhejiang University Science, 4(2), 236-240. https://doi.org/10.1631/jzus.2003.0236 (Retracted; retraction note 10 December 2021, https://doi.org/10.1631/jzus.2003.r236)
  6. Kraus, S. W., Krueger, R. B., Briken, P., First, M. B., Stein, D. J., Kaplan, M. S., Voon, V., Abdo, C. H. N., Grant, J. E., Atalla, E., & Reed, G. M. (2018). Compulsive sexual behaviour disorder in the ICD-11. World Psychiatry, 17(1), 109-110. https://doi.org/10.1002/wps.20499
  7. Macdowall, W. G., Clifton, S., Palmer, M. J., Tanton, C., Copas, A. J., Lee, D. M., Mitchell, K. R., Mercer, C. H., Sonnenberg, P., Johnson, A. M., & Wellings, K. (2021). Salivary testosterone and sexual function and behavior in men and women: Findings from the Third British National Survey of Sexual Attitudes and Lifestyles (Natsal-3). Journal of Sex Research, 59(2), 135-149. https://doi.org/10.1080/00224499.2021.1968327
  8. Mascherek, A., Reidick, M. C., Gallinat, J., & Kühn, S. (2021). Is ejaculation frequency in men related to general and mental health? Looking back and looking forward. Frontiers in Psychology, 12, 693121. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.693121
  9. Rider, J. R., Wilson, K. M., Sinnott, J. A., Kelly, R. S., Mucci, L. A., & Giovannucci, E. L. (2016). Ejaculation frequency and risk of prostate cancer: Updated results with an additional decade of follow-up. European Urology, 70(6), 974-982. https://doi.org/10.1016/j.eururo.2016.03.027
  10. Snopes. Fact check: Does 7 days without ejaculation increase testosterone by 45 percent? https://www.snopes.com/fact-check/increase-testosterone-45-percent/
  11. Stefani, L., Galanti, G., Padulo, J., Bragazzi, N. L., & Maffulli, N. (2016). Sexual activity before sports competition: A systematic review. Frontiers in Physiology, 7, 246. https://doi.org/10.3389/fphys.2016.00246
  12. World Health Organization. ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6C72 Compulsive sexual behaviour disorder. https://icd.who.int/browse/2024-01/mms/en#1630268048